Nachstehend die Berichte unserer Vereinsmitglieder Karin und Helfried von ihrer Nepal-Reise, während der sie einen größeren Teil ihrer Zeit in Tikapur (dem Standort unseres Schulprojekts) und Umgebung verbrachten.

Karins Bericht

Aus meinem Nepal-Tagebuch – ein Reise- und Erfahrungsbericht

Nun bin ich bereits über einen Monat hier in Nepal. Zu Beginn meiner Reise war ich einige Tage in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Abseits der Touristenattraktionen Kathmandus ist die Stadt leider sehr verschmutzt. Überall liegt Müll herum, deswegen riecht es auch manchmal unangenehm. Abfallkübel oder Mülltrennungssysteme kennen die Einwohner Nepals nicht und so wird der Müll entweder verbrannt, oder einfach neben der Straße oder den Flüssen liegengelassen.
Außerdem sind extrem viele Autos unterwegs und es gibt fast permanenten Stau. Die Luft ist sehr verschmutzt und viele Menschen tragen Staubmasken, wenn sie in Kathmandu unterwegs sind.

Nach einigen Tagen in der Hauptstadt Nepals breche ich auf nach Westnepal, um mein eigentliches Reiseziel zu erreichen: Tikapur.
Viele Leute in diesem Ort haben noch nie in ihrem Leben einen Menschen aus einem fremden Land, geschweige denn jemanden mit heller Hautfarbe gesehen. Es ist seltsam für mich, dass alle Augen auf mich gerichtet sind, jeder auf der Straße mich mustert. Einige Leute sprechen mich an, doch ich kann sie nicht verstehen.
Und doch gibt es einige wenige, die Englisch sprechen, natürlich nur diejenigen, die die Chance hatten oder haben eine Schule zu besuchen.

Die Schule, an der ich für einige Wochen als Pädagogin mitarbeite, hat große finanzielle Probleme. Es fehlt an Geld um die Schule auszubauen und die Räume ein wenig herzurichten. Der Platz ist knapp und so sitzen in einem Klassenraum (manche davon erinnern eher an eine Garage) bis zu 40 SchülerInnen dicht aneinandergedrängt, um dem Unterricht zu folgen.
Die Schulbücher sind in englischer Sprache, oft besitzt nur der Lehrer eines. Die SchülerInnen haben trotzdem große Freude am Lernen und sind glücklich über die Möglichkeit in die Schule gehen zu dürfen. Bildung bedeutet Zukunft. Viele Menschen hier in Tikapur träumen davon irgendwann einmal ein paar Jahre im Westen arbeiten zu können und genügend Geld zu verdienen, um der eigenen Familie ein besseres Leben bieten zu können. Manche Familienväter fragen mich schüchtern, ob es nicht möglich wäre ihnen einen Arbeitsplatz in Österreich zu organisieren. die Menschen würden vieles in Kauf nehmen um mehr Geld zu haben, auch wenn es bedeutet die eigene Familie jahrelang nicht zu sehen.

Die meisten Leute in Tikapur und Umgebung sind Bauern. Fast jede Familie besitzt ein kleines eigenes Maisfeld und/oder Reisfeld vorm Haus, ein bis zwei Ziegen, Hühner oder manchmal auch Büffeln für die Feldarbeit. Oft reicht das was geerntet wird gerade einmal dazu, um die Familie zu ernähren.
Grundsätzlich ist die Armut in diesem Teil des Landes sehr groß und trotzdem sehe ich täglich viele lächelnde Gesichter, bescheidene Zufriedenheit, voller Stolz der wenigen Dinge, die die Menschen hier besitzen.
 Zu Beginn meines Aufenthalts wissen die Leute  nicht so recht wie sie mit mir umgehen sollen, doch innerhalb weniger Tage fühle ich mich in meinem Dasein als "Fremde" akzeptiert und es folgen Einladungen über Einladungen in verschiedenste Häuser. Meistens leben die Familien gemeinsam in einem Raum, wenn es einen zweiten gibt, steht er eventuellen Gästen zur Verfügung und wird auch als Vorratskammer genützt. die Küche ist meist nur ein Verschlag außerhalb des Hauses und hat eine kleine Feuerstelle am Boden.

 

Fast täglich bin ich Gast in verschiedenen Familien und werde nach nepalesischer Tradition wie eine Göttin behandelt. Überall werde ich mit dem Nationalgericht dal bhaat bewirtet. Es besteht aus Reis, Linseneintopf, Gemüse und manchmal auch Fleisch. Bei einigen Besuchen werde ich von den Frauen oder Mädchen nepalesisch geschminkt, bekomme Hennabemalungen auf Händen, Armen und Füßen (mehendi), einen Farbpunkt auf die Stirn (tika) und viele, viele Geschenke. Die Menschen hier haben viel zu geben, obwohl sie nichts besitzen und ich lerne mit der Zeit all das ohne schlechtem Gewissen anzunehmen und mich mit den Leuten zu freuen.

Die vielen Eindrücke, die ich in Tikapur sammeln darf wirken in mir und berühren mich. Touristen verschlägt es so gut wie nie in diesen Teil des Landes und ich empfinde es als besonderes Geschenk in das wirkliche Nepal abseits des Trekking-Tourismus eintauchen zu dürfen.
Ich bin in einem der ärmsten Länder der Welt gelandet, in dem 72% der Frauen keine Schulbildung  haben, Ehen größtenteils noch arrangiert werden, Söhne mehr zählen als Töchter, die Hygieneverhältnisse die Lebenserwartung deutlich drücken, Kinderarbeit an der Tagesordnung steht und unzählig viele Menschen schwerste körperliche Arbeit verrichten.
Und trotzdem haben die Menschen hier etwas, was uns scheinbar durch all den Fortschritt in Europa abhanden gekommen ist: Herzlichkeit, Bescheidenheit, Verwurzelung in Tradition und Religion, ein "Im-Moment-leben" und ein Strahlen, das sich schon in der kurzen Zeit meines Aufenthalts tief in mein Herz eingebrannt hat...
 

Karin Apfelthaler, Pädagogin und Mitglied im Verein ANDOC

Helfrieds Bericht

Nepal – eines der ärmsten Länder der Welt?

Laut den jährlich ausgewiesenen Statistiken der Weltwirtschaftsorganisation ist Nepal eines der ärmsten Länder der Welt. Mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von ca. 40 € auch kein Wunder. Die Menschen können sich um ihr weniges Geld selbst hier kaum etwas kaufen. Wir befinden uns im Westen Nepals in einer kleinen Stadt im Kailali-District, genannt Tikapur.

Es ist irgendwann zwischen halbsechs und halbsieben am Morgen. August – Regenzeit. Die unmittelbar um die Schule liegenden Wege sind aufgeweicht und matschig von dem vielen Regen der letzten Tage. Es riecht etwas modrig. Ein Blick in die Ferne hat nicht viel Sinn. Wolken hängen über dem Tal. Langsam erwacht das Leben am Rande der Stadt. Ziegen tummeln sich herum auf der Suche nach etwas Essbaren. Ein Bauer fährt mit seinem Ochsengespann an uns vorbei, schenkt uns ein Lächeln und grüßt „Namaste“. Die ersten SchülerInnen treffen ein. Lange schon vor Beginn des Unterrichts. Voller Erwartung stehen sie vor dem noch verschlossenen Eisengitter, welches nächtliche Herumtreiber von der Schule fernhalten soll. Ihre Augen sind groß, ihre Gemüter bewegt, ihr Wissensdrang unabdingbar.

Tief eingeprägt scheint sich in den Köpfen der Mütter und Väter, die zum großen Teil im Ausland, v.a. in Indien arbeiten, zu haben, was ihnen gewiefte Politiker und Geschäftemacher versprechen. Mit Bildung aus der Armut zu kommen. Und so schicken tausende Eltern ihre abertausenden Kinder zur Schule. Öffentliche Schulen, in denen pro Klasse bis zu 120 Kinder fast kostenlos von einem Lehrer, selten einer Lehrerin unterrichtet werden, oder private Schulen, die je nach Verhandlungsgeschick mehr oder weniger viel kosten. Hier wird zumeist in englischer Sprache, der Zukunftssprache, unterrichtet. Auf die Frage, was die Jugendlichen einmal werden wollen – immer die gleichen Antworten: Arzt/Ärztin, WissenschafterIn, PilotIn. Doch viele von ihnen haben noch nie eine Arztpraxis gesehen, oder ein Labor oder gar ein Flugzeug. Aber sie haben einen Traum. Den Traum vom besseren Leben, von einem westlichen Leben.

Was aber macht das Leben im Westen besser?

In Nepal erleben wir eine Gastfreundschaft, die ihresgleichen in unseren Breitengraden sucht. Die Leute haben wenig. Wenig von allem. Aber das teilen sie von Herzen gerne. Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht eingeladen werden, wir bekocht werden, wir reich beschenkt werden. Die Menschen hier nehmen sich Zeit, viel Zeit. Wir lachen gemeinsam, sehen uns bereits vergilbte Fotos von Festen vergangener Tage an, weinen und schweigen gemeinsam. Uns scheint, als würden die Menschen hier nichts brauchen, was sie nicht ohnehin haben – und das strahlen sie auch aus. Auf ganz natürliche Art und Weise lassen uns die Menschen und das Land Werte erfahren, denen wir im Westen gestresst nachlaufen. Den Wert des Moments, den Wert des Gemeinsam-Seins, den Wert einer relativen Sorglosigkeit.

Was nun aber tun mit den wissbegierigen Jugendlichen?

Die Antwort kann nur lauten: Eine Bildung ermöglichen, die es erlaubt, sich frei für einen Weg zu entscheiden. Dazu bedarf es einerseits einer Aufklärung der Möglichkeiten. Der sagenumwobene, mystifizierte Westen braucht und soll nicht länger als vermeintlich gutes Ziel vor Augen gehalten werden. Andererseits braucht es eine bessere Infrastruktur. De facto ist die Zahl der Schulen in Nepal zwar hoch, aber sowohl gut ausgebildete LehrerInnen als auch Unterrichtsmaterialien gibt es nur sehr wenige. Zudem sind die meisten Schulgebäude in einem derartig desolaten Zustand, dass darin (zumindest aus unserer verwestlichten Sicht) kein adäquater Unterricht stattfinden kann. Unsere bescheidene Hilfe könnte hier eine große Erleichterung bedeuten.

Helfried Riegler, Sozialpädagoge und Mitglied im Verein ANDOC

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